Wirecard – reine Vertrauenssache

Datum: 30.04.20
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Von Alexander Coenen

 

München, den 30.April 2020 - Eines muss man den Aktien der Aschheimer Wirecard AG lassen – ihre extremen Kursschwankungen lassen jedes Traderherz höherschlagen!

 

Der 1999 gegründete Zahlungsdienstleister ging am 1. Januar 2005 im Rahmen eines Reverse-IPO an die Börse. Während eigentlich mehrheitlich eher fragwürdige Unternehmen den Weg eines Reverse-IPO wählen, gelang Wirecard - zumindest erstmals – eine Bilderbuchkarriere auf dem Parkett. Bereits im September 2006 erfolgte die Aufnahme Wirecards in den TecDAX, im September 2018 sogar in den DAX. Dort ist das Unternehmen Stand heute mit einem Börsenwert von 12,1 Milliarden Euro im unteren Drittel zu finden.

 

Historisch betrachtet wurden hier signifikante Werte geschaffen. Die InfoGenie Europe AG, der Mantel in den die Wirecard AG geschlüpft ist, hatte ein Grundkapital in Höhe von 10.533.947 EUR, das durch die Einbringung der Wirecard AG Anfang 2005 um 42.135.788 EUR auf 52.669.735 EUR erhöht wurde. Der damalige Wert der Wirecard AG gemäß Wirtschaftsprüfer lag somit bei 42.135.788 EUR. Das heutige Grundkapital beträgt 123.490.586 EUR. Allerdings hat sich der Aktienkurs von damals 1,19 EUR auf aktuell auf nunmehr 91,69 EUR vervielfacht. Um genau zu sein steigerte sich der Wirecard-Aktienkurs im Durchschnitt um 33,6 Prozent pro Jahr. Der DAX legte im gleichen Zeitraum im Schnitt um 4,4 Prozent pro Jahr zu.

 

Doch was ist mit dem Zahlenwerk und was macht Wirecard eigentlich?

 

Wirecard bietet auf Basis einer digitalen Plattform Produkte und Dienstleistungen in den Bereichen mobiles Bezahlen, eCommerce, Finanztechnologie und Mehrwertdienste an. Hierbei kooperiert Wirecard mit rund 280.000 Unternehmen (Stand: Dezember 2018), darunter u. a. Orange Bank, KLM, Rakuten, BASF, Getty Images, Flughafen München, Telefónica, Aldi oder Ikea. Wirecard gibt Kredit- und Geschenkkarten heraus, auch virtuelle. Unterstützt werden u. a. Visa, Mastercard, American Express, Discover/Diners, JCB, Alipay, Apple Pay sowie China UnionPay.

 

Der Umsatz lag im Jahr 2005 bereits bei beachtlichen 54,1 Millionen EUR, für das abgelaufene Kalenderjahr 2019 wird ein Umsatz von 2,7 Milliarden EUR prognostiziert. Das entspräche einer durchschnittlichen Wachstumsrate von 32,3 Prozent per annum. Hinsichtlich des Gewinns gibt es ebenfalls eine überaus respektable Entwicklung. 2005 standen bereits 8 Millionen EUR zu Buche. Für 2019 gehen wir von 540 Millionen EUR aus. Das entspricht einem durchschnittlichen, jährlichen Wachstum in Höhe von 35,1 Prozent.

 

Was sagen die Analysten?

 

Grundsätzlich halte ich nicht allzu viel von den ganzen Analysen, weil die Experten eigentlich immer nur einen Schritt hinterherhinken und ihre Schätzungen NACH relevanten Daten neu anpassen. Einen Blick auf die Kursziele und Ratings zu werfen kann aber dennoch nicht schaden.  Nachfolgend also eine Übersicht aktueller Empfehlungen die von 270 EUR (Hauck & Aufhäuser) bis 102 EUR (NordLB) reichen. Der Durchschnitt der 11 Bewertungen liegt bei 171 EUR. Wenn man nur die 8 Analysen berücksichtigt, die nach dem 27. April 2020 – also nach der Veröffentlichung des außerordentlichen Audits von KPMG- veröffentlicht wurden, so reduziert sich das Kursziel auf 151 EUR und liegt damit aber noch immer 65 Prozent über dem aktuellen Kursniveau.

 

Herausgeber

Rating

Kursziel

Datum

Hauck & Aufhäuser

Buy

270 EUR

23.04.2020

Baader

Buy

240 EUR

28.04.2020

Warburg Research

Buy

230 EUR

29.04.2020

HSBC

Buy

210 EUR

09.04.2020

Kepler Cheuvreux

Buy

200 EUR

02.04.2020

JP Morgan Chase

Neutral

150 EUR

29.04.2020

Goldman Sachs

Neutral

130 EUR

30.04.2020

UBS

Neutral

129 EUR

29.04.2020

Independent Research

Kaufen

120 EUR

29.04.2020

DZ Bank

Halten

105 EUR

28.04.2020

NordLB

Halten

102 EUR

28.04.2020

 

 

Bilanztrickserei – Ja, Nein, Vielleicht oder nur ein bischen?

 

Die Financial Times und Wirecard werden wahrscheinlich keine Freunde mehr. Im Dezember 2019 erhob die Londoner Wirtschaftspublikation – einmal wieder – schwere Vorwürfe gegen Wirecard. Die Bilanz 2017 soll frisiert gewesen sein. Um genau zu sein sollen auf Treuhandkonten geparkte Gelder in der Abschlussbilanz zu den Barreserven gerechnet worden seien. Wirecard hat dies umgehend bestritten. Zudem konnten es die Journalisten der Financial Times nicht nachvollziehen, warum ein Unternehmen das eine Netto-Cash-Position in Höhe von 2,1 Milliarden EUR hat, neue Schulden in Höhe von 1,4 Milliarden EUR aufnehmen wollte. Hierbei ergänzten die Schreiberlinge dann die Tatsache, dass sich die zum Wirecard-Konzern gehörende Wirecard Bank zu dem Zeitpunkt sehr um neue Kundeneinlagen bemühte und Privatkunden 0,75 Prozent auf ihr Girokonto zahlten während andere Banken Negativzinsen berechnen.

 

Erst Mitte Oktober 2019 hatte die Financial Times über Wirecard berichtet und dem Unternehmen vorgeworfen, Verkäufe und Profite von Beteiligungen in Dubai und Irland frisiert zu haben. 

 

Frühere Vorwürfe der Financial Times trafen zeitlich mit starken Leerverkäufen in Aktien der Wirecard AG zusammen, so dass die Staatsanwaltschaft München sogar ein Ermittlungsverfahren gegen einen Journalisten der Financial Times einleitete. Wirecard verklagte die Financial Times im gleichen Atemzug auf Schadensersatz. Damals entlastete die Antwaltskanzlei Rajah und Tann aus Singapur nach unabhängiger Untersuchungen Wirecard. Dieses Mal sollte dies KPMG tun.

 

Leider entkräftete der am 27. April 2020 publizierte Report von KPMG Wirecard nicht. Ganz im Gegenteil, hier wurde neues Misstrauen ausgelöst. Mit Blick auf wichtige umsatzrelevante

Geschäftsbeziehungen stellten die Prüfer fest, diese nicht abschließend untersuchen zu können, weil relevante Daten gefehlt hätten und bestimmte Zusammenhänge nicht hätten ermittelt werden können.

 

Dazu konnte der Jahresabschluss von Wirecard für das abgelaufene Geschäftsjahr nicht wie versprochen am heutigen Donnerstag publiziert werden. Laut der Süddeuschen Zeitung liegt die Verzögerung an einem fehlenden Testat des Wirtschaftsprüfers EY. Ein neues Datumfür die Bilanzpressekonferenz gibt es auch noch nicht. Grob ließ sich Konzernchef Markus Braun zur Aussage hinreißen, dass die Bilanzpressekonferenz im Mai stattfinden wird. Ob Anfang, Mitte, oder Ende sagte er verriet er nicht.

 

Die Börse bestrafte das selbstverschuldete Misstrauen des Unternehmens mit einem deftigen Kursrutsch. Der Kurs rutschte von über 132 EUR in einer ersten Welle auf 106 EUR und schließlich sogar auf 84 EUR im Tief runter. Die technische Erholung auf aktuell 91 EUR sagt nicht viel über die weitere Kurs-Entwicklung aus.

 

FAZIT

Panikmache? Kaufchance? Bilanzmanipulation? Betrügerbande? Das ist momentan schwer zu sagen. Letzteres kann ich nicht glauben. Ich gehe eher von einer Chance aus. Allerdings wird wohl viel von dem Abschluss 2019 abhängen, der in der Tat – Corona hin oder her – sehr unglücklicher Weise noch nicht veröffentlicht wurde. Das hätte der Vorstand zum Wohle der Aktionäre anders handhaben können und sollen. 

 

Ich halte mich hier aber trotzdem an die von CEO Markus Braun im letzten Quartalsbericht veröffentlichte Aussage:

 

„Wir freuen uns, unseren Aktionären ein starkes Wachstum für das vierte Quartal und das kommende Geschäftsjahr in Aussicht zu stellen.  Neben dem kraftvollen organischen Wachstum öffnen wir uns mitdem Markteintritt in China einem der größten Wachstumsmärkte und bauen unseren Wettbewerbsvorsprung weiter aus.“

 

In diesem Sinne – der Mai wird sicherlich spannend für alle Wirecard-Aktionäre. Zu denen ich im Übrigen auch gehöre.

 

 

 

 


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